VIBRATION 4
Das Fegefeuer im Wallis ist eiskalt: In den Tiefen des Gletschers verbüßen die Armen Seelen ihre Sünden. Doch nachts, da entsteigen sie der grimmigen Kälte und ziehen als Totenprozession, ‘Graatzug’ auf kleinen Pfaden durch Täler und Dörfer.
Wenn ein solcher Geisterzug vorübergeht, so hört man bald ein dumpfes Murmeln, wie bei einem zahlreichen Bittgang, wo der Rosenkranz gebetet wird. Bald soll man den langsamen Totenmarsch trommeln und pfeifen hören; bald wieder allerlei Musik, weinende und lachende Stimmen; bald wieder nur ein seltsames Getöse und Rauschen und einen bald kalten, bald warmen Windhauch.
Wir sind die Seelen, gefangen im Eis, vergessen, verloren, gemieden,
im beinah endlosen Weiss der Zeit.
Jahrhundert um Jahrhundert, Schicht um Schicht,
hat uns die Kälte umschlungen, uns gehalten, nicht freigegeben.
Doch nun spricht das Eis.
Es schmilzt. Es reisst. Es bricht.
ROLF HERMANN
Es heisst, allen Wallisern sei ein ausgeprägter Sinn für das kulturelle Erbe eigen. Während die einen die Traditionen noch verkörpern, interpretiert das Künstlerkollektiv diese auf künstlerische Art.
Im Projekt DER LETSCHT GRAATZUG eröffnen sich Klangwelten der ‘Armen Seelen’, die im Gletscher für ihre Sünden büssen und auf ihrem Graatzug in die Welt der Noch-Lebenden vorstossen.
Die Gletscher schmelzen, Vertrautes schwindet, und was ewig schien, erweist sich plötzlich als vergänglich. Die “Armen Seelen”, die seit Hunderten von Jahren ihre Freveltaten in den ‘Chalte Wasseru’ abbüssen mussten, sind voller Hoffnung - dieses Leiden und schmerzhafte Fernsein ist nicht ewig - sie werden bald erlöst sein.
DER LETSCHT GRAATZUG nimmt das Publikum mit in die mystisch-irreale Atmosphäre der Sagen und Mythen und knüpft dabei an volksmusikalische Idiome an. Geheimnisvolle Klänge aus der mystischen Gletscher- und Bergwelt, Neue und traditionelle Musik sowie poetische Texte verschmelzen in diesem Projekt zu einem Gesamtkunstwerk, das trotz ökologischer Katastrophe und zunehmender Beklemmung viel Hoffnung versprüht. Diese duale Perspektive – die Zerstörung der Natur und die symbolische Befreiung der Seelen – zieht sich durch das gesamte Werk und bringt diese Ambivalenz auf künstlerische Weise zum Ausdruck.
Ohne Laut, ohne Schwere,
gleiten wir über das schwindende Eis,
gleiten hinüber in eure lebendige Welt.
Habt ihr unsere Stimmen gespürt
in eurer Haut, in euren Träumen ?
Ja, der Gletscher ist alt.
Der Gletscher trägt die Stimmen derer, die hier lebten,
derer, die hier starben.
Sie ruhen in ihm.
Der Gletscher verliert seine Schichten.
Das Schmelzwasser höhlt ihn aus, löst ihn auf.
Und mit jedem Tropfen, der fällt,
verschwinden Geschichten und Stimmen.
ROLF HERMANN